
Staatlich anerkannte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für pädiatrische Intensivpflege an der Charité in Berlin
Es gibt Momente im Leben, die man nicht vergisst. Dieser hier hat mich bis heute nicht losgelassen.
Es war ein Wochenende, wir waren mit der Familie in einem Bikepark – Ausflug, Sonnenschein, Kinder überall. Irgendwo in der Nähe feierte eine Gruppe einen Kindergeburtstag. Plötzlich ein Schrei. Eine Mutter. Ihr Kind hätte etwas verschluckt und bekomme keine Luft mehr.
Ich bin sofort hingelaufen – wie einige andere auch. Was ich sah, hat mir das Herz zerrissen: Die Eltern waren in absoluter Panik. Verständlich. Wer wäre das nicht, wenn das eigene Kind keine Luft bekommt?
Der Vater klopfte dem Kind auf den Rücken. Die Mutter – verzweifelt, voller Angst – versuchte mit den Fingern in den Mund des Kindes zu greifen, um den Gegenstand herauszuholen. Ohne zu sehen, was dort ist. Ohne Kontrolle. Das Kind blutete kurz darauf stark aus dem Mund – sie hatte ihn verletzt. Was schon schwer war, wurde dadurch noch schwerer.
Ich habe laut in die Runde gerufen: „Hat jemand schon den Rettungsdienst angerufen?“ Ich habe die Mutter ruhig aber bestimmt gebeten, nicht mehr in den Mund zu greifen. Ich habe erklärt, was zu tun ist. Manchmal kommt es nicht an – Schock und Panik sind mächtig. Aber man muss trotzdem durchgreifen, ruhig bleiben, Aufgaben verteilen.
In meinem Team auf der NICU sitzt jeder Handgriff. Hier, auf einem Bikepark, war ich allein mit fremden Menschen in einer Ausnahmesituation.
Genau deshalb schreibe ich diesen Artikel.
Ich möchte, dass du vorbereitet bist. Dass du weißt, was zu tun ist – bevor es passiert. Damit du in diesem Moment nicht hilflos dastehst. Denn das waren diese Eltern. Nicht aus Versagen – sondern weil niemand sie jemals darauf vorbereitet hatte.
Das ändere ich heute.
Babys und Kleinkinder erkunden die Welt mit dem Mund. Alles landet dort – Spielzeugteile, Münzen, Nüsse, Weintrauben, kleine Steine, Knöpfe. Gleichzeitig ist ihr Atemweg noch sehr eng und der Schluckreflex noch nicht vollständig ausgereift.
Das bedeutet: Ein Gegenstand, der für uns harmlos wirkt, kann für ein Baby lebensgefährlich sein.
Wichtig: Gegenstände kleiner als ein 2-Euro-Stück sind für Kinder unter 3 Jahren ein Erstickungsrisiko. Wenn es durch eine Toilettenrolle passt – weg damit!
Bevor du handelst, beobachte genau. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Situationen:
Wenn dein Kind hustet – auch wenn es sich anhört, als würde es würgen – ist das ein sehr gutes Zeichen. Husten ist der stärkste Schutzmechanismus des Körpers. Er erzeugt einen enormen Luftdruck, der den Gegenstand nach oben befördern kann.
Was du tust:
Warte und beobachte. In vielen Fällen löst sich das Problem durch Husten von alleine.
⏱️ Wann wird es ernst? Wenn das Husten schwächer wird, leiser wird oder ganz aufhört. Wenn das Kind blaue Lippen bekommt. Wenn es kaum noch Luft bekommt. Dann sofort weiter zu Situation 2.
Das Kind hustet nicht mehr oder nur noch sehr schwach. Es läuft blau an. Es bekommt kaum noch Luft. Es ist noch bei Bewusstsein.
Jetzt zählt jede Sekunde. Aber Panik hilft deinem Kind nicht – Handeln schon.
Ruf laut um Hilfe. Delegiere Aufgaben – das ist wichtig! Du kannst nicht gleichzeitig helfen und telefonieren.
Bist du allein: Lege das Kind kurz sicher hin, ruf 112 an, dann sofort weiter. Bei Säuglingen gilt: Erst 1 Minute Erste Hilfe, dann Notruf – wenn du wirklich allein bist.
Öffne vorsichtig den Mund des Kindes und schaue hinein.
Wichtig: Niemals blind in den Mund greifen! Das ist einer der häufigsten und gefährlichsten Fehler. Du kannst den Gegenstand tiefer hineinschieben, die Schleimhaut verletzen und durch Blutung und Schwellung alles noch schlimmer machen – genau wie in meiner Geschichte.
| RÜCKENSCHLÄGE – SO GEHT ES |
|---|
| 1. Kind bäuchlings auf deinen Unterarm legen |
| 2. Mit der Hand den Kopf stützen |
| 3. Kopf TIEFER als der Rest des Körpers |
| 4. Mit dem Handballen ZWISCHEN die Schulterblätter schlagen |
| 5. Fünf kräftige Schläge |
Nach jedem Schlag kurz in den Mund schauen – ist der Gegenstand sichtbar geworden?
Hat das nicht geholfen? Sofort weiter mit Bruststößen.
| BRUSTSTÖSSE – SO GEHT ES |
|---|
| 1. Kind auf den Rücken drehen |
| 2. Auf deinen Unterarm legen – Kopf TIEFER |
| 3. Zwei Finger auf die MITTE des Brustbeins setzen (eine Fingerbreite unterhalb der Brustwarzen) |
| 4. Fünf kräftige Stöße nach innen und oben |
Ab 1 Jahr: Statt Bruststößen kannst du den Heimlich-Handgriff anwenden – von hinten umfassen, Faust zwischen Nabel und Brustbein, fünf kräftige Stöße nach innen und oben.
Wenn weder Rückenschläge noch Bruststöße helfen:
| ABWECHSELN BIS HILFE KOMMT |
|---|
| 5x Rückenschläge |
| ↕ |
| 5x Bruststöße |
| ↕ |
| In den Mund schauen nach jedem Durchgang |
| ↕ |
| Wiederholen bis Rettungsdienst da ist |
Hör nie auf. Gib nie auf. Bis der Rettungsdienst übernimmt.
Das Kind ist bewusstlos. Es reagiert nicht mehr. Jetzt beginnt die Reanimation – sofort.
Lege das Kind flach auf einen festen Untergrund. Überstrecke den Kopf vorsichtig (Kinn leicht anheben) – so öffnest du die Atemwege. Schaue kurz in den Mund – siehst du den Gegenstand jetzt klar? Dann entferne ihn. Wenn nicht – nicht suchen, sofort weiter.
| BEATMUNG BEIM SÄUGLING |
|---|
| • Mund UND Nase des Babys mit deinem Mund gleichzeitig umschließen |
| • Nur kleine Atemzüge einblasen – so viel wie nötig, damit sich der Brustkorb leicht hebt |
| • 5 Beatmungen als Start |
Siehst du keine Reaktion? Atmet das Kind nicht? Sofort weiter mit der Herzdruckmassage.
| HERZDRUCKMASSAGE BEIM SÄUGLING |
|---|
| WO: Mitte des Brustbeins – eine Fingerbreite unterhalb der gedachten Linie zwischen den Brustwarzen |
| WIE: Zwei Finger (Zeige- und Mittelfinger) senkrecht aufsetzen |
| TIEFE: Ca. 4 cm – ein Drittel des Brustkorbs |
| TEMPO: 100–120 Mal pro Minute (Takt: „Staying Alive“ von den Bee Gees) |
| ANZAHL: 30 Kompressionen, dann 2x beatmen |
| REANIMATIONS-RHYTHMUS |
|---|
| 5x BEATMEN (zu Beginn) |
| ↓ |
| 30x HERZDRUCKMASSAGE |
| ↓ |
| 2x BEATMEN |
| ↓ |
| 30x HERZDRUCKMASSAGE |
| ↓ |
| 2x BEATMEN |
| ↓ |
| → Wiederholen bis Rettungsdienst übernimmt |
| Nach jeder Beatmung: kurz in den Mund schauen – Gegenstand sichtbar geworden? → Entfernen! |
Katis Tipp: Der Takt von „Staying Alive“ der Bee Gees entspricht fast genau 100 Schlägen pro Minute – das hilft vielen, das richtige Tempo zu halten. Klingt skurril, funktioniert aber wirklich!
Du hast es geschafft. Der Gegenstand ist raus. Das Kind atmet wieder. Du atmest auf.
Trotzdem bitte unbedingt zum Arzt oder in die Notaufnahme.
Auch wenn das Kind sich sofort wieder normal verhält, muss es untersucht werden:
Wichtig: Nie selbst entscheiden, dass schon alles gut ist. Immer zum Arzt. Immer.
| NOTFALLPLAN: VERSCHLUCKEN / ERSTICKEN |
|---|
| KIND HUSTET NOCH? |
| → Ja: Unterstützen, beobachten, nicht eingreifen |
| → Nein / Husten wird schwächer: WEITER ↓ |
| 1. HILFE RUFEN – Notruf 112 delegieren |
| 2. IN DEN MUND SCHAUEN – Gegenstand sichtbar → vorsichtig entfernen / Nicht sichtbar → NICHT blind greifen! |
| 3. KIND AUF UNTERARM – KOPF TIEF → 5x Rückenschläge (Handballen, Schulterblätter) |
| 4. KIND UMDREHEN – AUF RÜCKEN – KOPF TIEF → 5x Bruststöße (2 Finger, Mitte Brustbein) / Ab 1 Jahr: Heimlich-Handgriff |
| 5. ABWECHSELN bis Rettungsdienst da ist |
| KIND WIRD BEWUSSTLOS? |
| → Flach hinlegen, Atemwege freimachen |
| → 5x BEATMEN (Mund + Nase gleichzeitig) |
| → 30x HERZDRUCKMASSAGE (2 Finger, 4 cm tief) |
| → 2x BEATMEN – Rhythmus wiederholen |
| GEGENSTAND ENTFERNT? → Trotzdem zum Arzt / Notaufnahme! |

Zurück zum Bikepark. Das Kind wurde damals vom Rettungsdienst versorgt und kam ins Krankenhaus. Ich weiß nicht, wie es ihm danach ergangen ist. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es ihm gut geht.
Was ich weiß: Diese Situation hätte anders verlaufen können – wenn die Eltern vorbereitet gewesen wären. Nicht weil sie schlechte Eltern waren. Sondern weil niemand sie jemals darauf vorbereitet hatte.
Du bist jetzt vorbereitet.
Ich empfehle dir außerdem:
Und noch etwas: Wenn du in einer solchen Situation hilfst – bleib so ruhig du kannst. Verteile Aufgaben. Erkläre, was du tust. Auch wenn es nicht sofort ankommt. Denn Panik ist ansteckend. Ruhe auch.
Du kannst Leben retten. Und jetzt weißt du wie.
Deine Kati | Nachsorge mit Herz
Gemeinsam stark von Anfang an
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keinen Erste-Hilfe-Kurs und keine medizinische Beratung. Er dient der Information und Vorbereitung. Im Notfall immer sofort den Rettungsdienst unter 112 alarmieren.